1864 fand Friedrich Wilhelm Raiffeisen eine Möglichkeit, in einer grossen Hungersnot die Landbevölkerung in seiner Region mit Brot zu versorgen: mit genossenschaftlich orientierter Selbsthilfe. Der Genossenschaftsgedanke beschäftigte ihn weiter und einige Jahre später entwickelte er den Gedanken der genossenschaftlichen Selbsthilfe weiter und gründete eine Kreditgenossenschaft. Die Mitglieder zeichneten Anteile und stellten damit Kapital zur Verfügung. Wenn sie Überschüsse erwirtschaften konnten, gaben sie dieses Geld an ihre Genossenschaft, sparten so für schlechtere Zeiten und erhielten dafür noch einen Zins. Wenn ein Genossenschafter in wirtschaftliche Not kam, konnte er gegen Sicherheiten und Schuldzins von der Genossenschaft Geld leihen.
Jahre später fand die Genossenschaftsidee von Raiffeisen ihren Weg in die Schweiz. Der Pfarrer Johann Traber sah in der Genossenschaft eine Möglichkeit, der Verarmung des Mittelstandes in seiner ländlichen Region entgegenzutreten. Am 01.01.1900 nahm sein Spar- und Darlehenskassenverein Bichelsee-Balterswil mit 47 Genossenschaftsmitgliedern den Geschäftsbetrieb auf. Anfangs wurde die Genossenschaft belächelt und nicht ernst genommen, doch der Erfolg war beachtlich und belehrte die Kritiker. Nach dem Vorbild der ersten Raiffeisen-Kasse der Schweiz entwickelten sich immer mehr dörfliche Genossenschaften, die sich zur gegenseitigen Unterstützung - ganz im Geiste des Schweizer Föderalismus - zu mehreren regionalen und einem nationalen Verband zusammenschlossen. (Zur Historie der Raiffeisen-Bewegung siehe «Kommunikaze»: Raiffeisen Bank Schweiz: Die Genossenschaft damals und heute).
Der nationale Verband, die Raiffeisen-Gruppe Schweiz, wird seit über 10 Jahren von Pierin Vincenz geleitet. Pierin Vincenz hat Raiffeisen zur drittgrössten Bankengruppe der Schweiz gemacht hat. Mit Umsicht, Traditionsbewusstsein und einem feinen Gespür für die Gratwanderung zwischen Expansionskurs und Straffung des Filialnetzes (siehe «BILANZ»: Pierin Vincenz, der nette Dompteur) führte der Bündner Vincenz die Raiffeisen Gruppe in das neue Jahrtausend. Einen tieferen Einblick in den Manager und Menschen Pierin Vincenz kann man in einem 30-minütigen Radiointerview bei Radio DRS erhalten (siehe «DRS.ch»: Pierin Vincenz in der Samstagsrundschau).
Heute, nach der grossen Bankenkrise - und vor der nächsten Bankenkrise? - ist der Genossenschaftsgedanke so aktuell wie schon lange nicht mehr. Die Menschen sind wütend auf die von einer grenzenlosen Gier getriebenen Grossbanken mit ihren dekadenten Löhnen für das oberste Management, deren Hetze nach dem schnellen Gewinn auf jedem Markt der sich finden lässt und mit einem Druck auf die interne Hierarchie, der Trader erzeugt, die wegen Spielsucht in Behandlung gehören und nicht das Geld von Leuten verwalten sollten, die es mit ehrlicher Arbeit hart verdienen mussten.
Es ist nicht verwunderlich, dass viele Kunden ihre Bankbeziehung überdachten und zu den Instituten wechselten, die nicht staatliche Hilfen benötigten, um über die Runde zu kommen: zu den Kantonalbanken, vorwiegend national und konservativ tätig und teilweise mit Staatsgarantie ausgestattet und zu den Genossenschaftsbanken, der Raiffeisen und der Migros Bank.
Es ist aber auch nicht verwunderlich, dass die international tätigen Banken, gestärkt mit Steuergeldern, bereits wieder mit fremdem Geld weiterzocken. In der Medizin und der Psychologie ist es schon lange bekannt: Süchtige können nicht geheilt werden, sie bleiben ein Leben lang süchtig und können im besten Fall, aber meist nur nach langwierigen Therapien, ein annähernd normales Leben führen - mit der ständigen Gefahr eines Rückfalls.